Ein Bouldersommer im Reich des Steinbocks


Enzian und Alpenrosen, die Vorboten des kurzen Bergsommers 

Text und Fotos: © Ulrich Röker

Nach einem eher launenhaften Frühjahr mit nicht übermäßig viel Sonne - Anfang Juni hatten wir noch eher ungemütliche Temperaturen im einstelligen Bereich - startet der Sommer jetzt durch. Was für eine lähmende Hitze... unser Zentralgestirn hat offensichtlich beschlossen, alles nachzuholen, was es zu Beginn des meteorologischen Sommers eher sparsam gewährt hatte. Afrikanische Luftmassen mit Sonne pur von morgens bis abends jagen Schweißtropfen auf die Stirn und das Quecksilber des Thermometers steil nach oben. Die Schlagzeilen lauten: "Halb Europa ächzt unter einer Hitzeglocke", "Waldbrände in den Wäldern von Fontainebleau" und "ein Temperaturrekord nach dem anderen wird geknackt". Keine idealen Voraussetzungen für unseren Sport. Bouldern unklimatisiert unter freiem Himmel wird da für die meisten von uns zur Herausforderung will man meinen.

Doch weit gefehlt, wie so oft im Leben ist alles eine Frage der richtigen Herangehensweise. Jetzt schlägt die Stunde der alpinen Bouldergebiete, die für Wetterlagen wie diese geradezu wie geschaffen sind.

"Allgäu", "Magic Wood", "Silvretta", "Gotthardpass", "Engelberg", "Sustenpass", "Grimselpass", "Rifugio Barbara" lauten jetzt die Zauberworte, bezeichen sie doch die Ziele, die den erfahrenen Boulderjüngern bei so einer Wetterlage als erstes in den Sinn kommen. Jedes für sich ein kleines Juwel und in heißen Sommern wie diesem geradezu ideal geeignet, um auch unter freiem Himmel dem geliebten Sport nachgehen zu können.

Doch damit ist die Liste natürlich längst nicht vollständig, und neben zahllosen anderen Zielen ist da auch noch ein "Furkapass"!

Längst nicht so bekannt wie ein "Magischer Wald", findet man hier am Furkapass im Grenzbereich zwischen den Kantonen Wallis und Uri ein besonders hell funkelndes Kleinod unter den Schweizer Boulderjuwelen. Exzellente Bouldermöglichkeiten bis in Höhen von fast 2800 m bei gleichzeitig phänomenaler Kulisse sind die Markenzeichen dieses Geheimtipps unter den hochgelegenen Boulderzielen.

Wenn andere Regionen Europas bereits unter der sengenden Sonne ächzen endet in der Regel erst Anfang Juni die Wintersperre des Furkapasses, die Straße ist dann geräumt und das Bouldergebiet wird wieder zugänglich. Bis dann die letzten Schneereste schwinden dauert es oft bis weit in den Juli hinein was zur Folge hat, dass man am Furka selbst im Hochsommer exzellente Bedingungen vorfindet. Die umliegenden Dreitausender wie Gross Bielenhorn, der vergletscherte Galenstock der hier oben alles überragt, die bei Alpin-Kletterern beliebte Graue Wand, sie alle zusammen bilden ein beeindruckendes Ambiente das einen Bouldertrip am Furka zum unvergesslichen Erlebnis werden lässt.


Der Tiefengletscher mit Gross Bielenhorn (3210 m) und (Galenstock (3586 m)

Wer den Furkapass von Andermatt her kommend in Angriff nimmt schraubt sich auf diesem Meisterwerk Schweizer Straßenbaukunst in zahlreichen Kehren in Richtung Passhöhe hinauf. Noch ein gutes Stück vor dem Kulminationspunkt, kurz nach der kleinen Ansiedlung "Tiefenbach" mit dem gleichnamigen Hotel zweigt rechts eine kostenpflichtige Privatstraße ab die nach etlichen weiteren Kehren schließlich am Parkplatz "Tätsch" mündet.


Regenbogen nach einem heftigen Regenguss direkt vom Kreuz der Kapelle von Tiefenbach ausgehend (Bild 1), Hary genießt die Morgensonne am Parkplatz Tätsch (Bild 2)

Damit hat man am Fuße des Schafberges auf knapp 2300 m den idealen Ausgangspunkt für die meisten Sektoren des Gebiets erreicht. Ab hier ist zunächst einmal Fußmarsch angesagt und bis zu den höchstgelegenen Sektoren auf etwa 2700m wird durchaus eine ordentliche Konditionsleistung abverlangt zumal nicht nur Höhe sondern auch ordentlich Strecke gemacht werden muss. Wer also ganz nach oben will sollte deshalb gut 1h Fußmarsch fest mit einplanen. Doch wer jetzt sagt: vergiss es, das ist nichts für Mamas konditionsschwachen Liebling, ist eindeutig voreilig. Denn auch hier oben findet man Sektoren die rascher erreicht werden können. Die ersten Blöcke bieten bereits nach 15 Minuten Fußmarsch erstes Futter für motivierte Boulderer Fingerchen.


Die sommerlichen Stammgäste am Parkplatz Tätsch am Fuße des Schafberges: Die Walliser Schwarznasenschafe

Je nach gewähltem Tagesziel gibt es vom Parkplatz aus zwei Möglichkeiten um in die jeweiligen Sektoren aufzusteigen. Wer die nördlichen Sektoren besuchen möchte, wählt seinen Weg rechts vom Schafberg, wer die westlichen Ziele anpeilt geht besser links des Schafberges auf Erkundungsjagd.

Für ein erstes Kennenlernen nehmen wir Euch mit auf den linken Pfad der - vom Parkplatz weg - zunächst mächtig steil nach oben zieht, auf direktem Weg Richtung Albert-Heim-Hütte.


Schwer beladen kämpft sich das Team bergauf (Bild 1), beim Abstieg im gemütlicheren Abschnitt des Weges entlang des Tiefenbachs (Bild 2)

Wer noch nicht akklimatisiert ist, sollte sich - schwer bepackt mit Matten - in diesem Teilstück zunächst etwas Zeit lassen. Doch schon bald hat man diesen ersten Steilanstieg hinter sich und wird belohnt mit einem nur noch mäßig ansteigenden, angenehm zu begehenden Höhenweg, der spektakuläre Ausblicke auf den im Frühsommer wild tosenden Tiefenbach und die umgebende Natur im Angebot hat.


Zur Zeit der Schneeschmelze ein wild tosender, reißender Strom der Tiefenbach der seinen Ursprung dem gleichnamigen Gletscher verdankt

Spätestens jetzt ist man im Reich des Steinbocks endgültig angekommen und wer Glück hat, kann bei diesem Ausflug die majestätischen Herrscher der Berge durchaus auch aus nächster Nähe bewundern.


Bilder: Zwei Steinböcke als stille Beobachter im Sektor Graue Wand

Auf dem jetzt folgenden Teilstück des Weges passiert man im Sektor Hüttenzustieg immer wieder einzelne Blöcke an denen sich erste Boulder befinden, so dass - wer möchte - den Aufstieg keinesfalls in einem Stück durchziehen muss. Das eine oder andere wirkliche Schmankerl und auch eine Reihe weniger spektakulärer, aber durchaus netter Boulderprobleme bringen für den kreuzlahmen Mattensherpa willkommene Kurzweil ins Spiel.


Eine kleine Erstbegehung zum Warmmachen? Bitte schön: Hary im Convistador [4b] Sektor Hüttenzustieg (Bild 1)
Ein wirkliches Highlight im Sektor Hüttenzustieg: Excelsior [7b/c] (Bild 2)

In der Folge erreicht man schließlich eine Weggabelung, an der man sich jetzt entscheiden muss: rechts haltend, auf direktem Weg zur Albert-Heim-Hütte, um dort faul abzuhängen, oder links haltend zum möglicherweise sportlichen Offenbarungseid. Keine Frage, der wahre Boulderfreak wird immer den Pfad der sportlichen Herausforderung wählen und erreicht über die Variante links herum schon bald eine weitere Weggabelung.

Hier kann man via Alubrücke den Tiefenbach überqueren und gelangt von hier aus nach kurzer Wegstrecke unter anderem in den kleinen Sektor South Side.


Die Überquerung des wild tosenden Tiefenbachs ist Dank moderner Aluminiumbrücke heutzutage auch während der Schneeschmelze kein Problem

Neben einigen tollen Bouldern aus der ersten Erschließungsphase wie zum Beispiel, Wallaby [7b], Spacelab [7a], Slipstream [7c] , Williwaw [8a] oder dem schon nach kurzer Zeit zum Megaklassiker avancierten Glacier Express [7b+], findet man hier mittlerweile auch etliche neuere, harte, und teils nicht gerade niedere Probleme wie Diamond Hole [8a+], Eye Contact [8a+] oder auch Cold Case [7c+/8a].

Wer an der Weggabelung rechts des Flusses bleibt, dem steht zu den weiteren Sektoren zunächst noch der Aufstieg über die ausgedehnten Geröllfelder des Tiefengletschers bevor.



Hary verloren in den Weiten der Geröllfelder des zurückgewichenen Tiefengletschers unterhalb der Steilwände des Gletschhorns [3305 m] (Bild 1)
Immer wieder durchziehen kleinere Bachläufe die weitläufigen Moränenfelder auf dem Weg Richtung Sektor "Unten" (Bild 2)
Auf den Rückweg vom Sektor "Unten", im Hintergrund die Albert-Heim-Hütte (Bild 3)
Wollgräser spielen im Schutz eines Felsblocks im rauen Wind (Bild 4)

Der Gletscher, dessen kümmerliche Überreste noch heute den Galenstock bedecken, war vor nicht allzu langer Zeit noch um einiges größer und mächtiger und bedeckte - auf historischen Karten nachvollziebar - noch große Teile der heutigen Bouldersektoren.

 
Auch an den unwirtlichsten Stellen krallt sich die Natur immer wieder fest (Bild 1 und 2)

Sobald man die ehemalige Grundmoräne hinter sich gelassen hat, erreicht man einige der größten und zugleich interessantesten Sektoren des Furka namens "Unten", "Oben" und "Wasserfall". Bereits in der frühen Erschließungsphase war dies ein erster Hot Spot der Region und bietet heutzutage eine riesige Auswahl an Bouldern in sämtlichen Schwierigkeitsgraden.

Eine der beeindruckendsten Linien im gesamten Gebiet überhaupt findet sich hier: Backslash [7c], eine markante, schräg ansteigende Traum-Risslinie von Harald Röker erstbegangen, ist ein absolutes Boulder-Highlight in diesem an Superlativen wahrlich nicht armen Blockgewirr.


Hary in seiner exzellenten Kreation Backslash [7c] am Block "The Shield"

Mit Frischebox [7c+..8a], Schafskäse [8a], Zamomin [8b], 3/4 schwer [8a], Rumo [8a+/b] oder Stone by stone [8b] gibt es in diesem Sektor auch für die ambitioniertesten Mattensherpas ein reichhaltiges Angebot um die trainingsgestählten Muskeln an hartem Granit auszutesten. Wer Lust auf Highballs hat, kann sich zum Beispiel an einigen vogelwilden Kreationen von Kim Marschner versuchen. Goldener Wächter [8a+], Dreamland [7c] oder Cherry on top [8b+] erfordern nicht nur äußerst kräftige Fingerchen, sondern, neben etlichen Matten, auch ein maximal stabiles Nervenkostüm. Die Liste der interessanten Probleme ließe sich noch endlos fortsetzen, denn während der letzten Jahre hat sich im Gebiet eine rasante Entwicklung ergeben.


Hary bei der Erstbegehung von Frischebox [7c+..8a]

Doch nicht nur in den oberen Bouldergraden Fb 7/8 bietet der Furkapass ein reichhaltiges Betätigungsfeld. Das wirklich besondere des Gebietes ist, dass es auch in den unteren und mittleren Schwierigkeitsbereichen zahllose exzellente, interessante Linien zu entdecken gibt.

Nicht selten mitten in den bereits gut erschlossenen Sektoren lässt sich dabei - teils mit etwas Aufwand beim Einebnen des Absprungs - noch so manches Boulderjuwel entdecken.


Zuerst die Arbeit... Putzarbeiten in einem neuen Projekt ...


...dann das Vergnügen; Hary bei der Erstbegehung von Bachhäxe [6a+]  

Egal, ob man in Spul-Laune ist, sich vor Großtaten mit moderaten Griffgrößen aufwärmen, oder einfach einen gemütlichen Bouldertag verbringen möchte, man findet auf jeden Fall ein großzügiges Angebot an wunderschönen, abwechslungsreichen Problemen von niedrig bis hoch, von überhängend bis plattig in allen Graden.


Vor harten Pulls ist auch für starke Jungs zunächst aufwärmen angesagt. Hary in: Get the party started [5c]

 
Hangover [5a] (Bild 1), Wasserspiele [5a] (Bild 2) 

Wer vom Sektor "Oben" noch höher hinaus will, folgt jetzt den Steigspuren hinauf zum Sektor "Graue Wand". Hier, im höchstgelegenen Sektor des gesamten Gebiets, trifft man auf fast 2800 m auf feinsten Granit, der vor noch nicht allzulanger Zeit von Schnee und Eis überzogen war. Vegetation ist hier oben Mangelware und selbst Flechten haben es bisher kaum geschafft, in diesem hochalpinen Gelände Fuß zu fassen, was das Erschließen neuer Probleme recht einfach macht. Putzarbeit ist kaum zu leisten und nur ab und an muss kostbare Boulderzeit in Podestbau umgeleitet werden.

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Weitläufige Schwemmsandflächen durchzogen von silbern glänzenden Wasseradern im Sektor "Graue Wand" (Bild 1)
Hary bei der Erstbegehung von Grizzly [7b+] (Bild 2)

Hary bei der Erstbegehung von neuen Boulderproblemen im Sektor "Graue Wand":

Stagedive [7a/a+] (Bild 1), Superchill [7b] (Bild 2) Tschickenwing [4a] (Bild 3)


Touch of grey [6c] (Bild 1), Greyhound [7b] (Bild 2), Schatz im Silbersee [5b] (Bild 3)

Für die Gebiete "Schwemmebene" und "Universum" folgt man vom Parkplatz Tätsch aus am besten dem Zustieg, der rechts des Schafberges entlang verläuft. Zunächst noch auf breiter Schotterstraße, später auf schmalem, nur mäßig ansteigendem wunderschönem Gebirgspfad, erreicht man mit relativ wenig Anstrengung zunächst den weitläufigen Sektor "Schwemmebene". Im Vergleich zu den unwirtlicheren, da höher gelegenen, westlichen Sektoren, trifft man auf dieser Seite des Schafberges auf fast liebliches Terrain. Ein idyllischer, ruhiger Bachlauf, der sich seinen Weg durch weitläufige grüne Wiesen talwärts sucht und immer wieder mächtige Felsbrocken mit interessanten Problemen, so ist der erste Eindruck, wenn man diesen Sektor erblickt.


Moritz und Johannes peilen zielstrebig die ersten Boulder an (Bild 1)
Johannes gespottet von Moritz kritisch beäugt von Hary im unteren Teil der Schwemmebene (Bild 2)
 

Das Gestein ist hier deutlich stärker von Flechten bewachsen, was das Erschließen von neuen Problemen teils etwas aufwändiger macht. In den hinteren Bereichen ist dieser Sektor dann etwas stärker verblockt und es kann nicht mehr ganz so tiefenentspannt gebouldert werden, wie an den ersten Blöcken. Doch auch dort gibt es viele lohnende Probleme und noch reichlich Potenzial für motivierte Erschließer, denen das Verbessern von unwirtlichem Absprunggelände Spaß macht.

 
Blick auf den oberen, stark verblockten Teil des Sektors Schwemmebene, links oben die Albert-Heim-Hütte, im Hintergrund der Tiefengletscher mit Gross Bielenhorn (3210 m) und Galenstock (3586 m)  (Bild 1);  Hary bei der Erstbegehung eines neuen Boulderproblems (Faultierattacke [6b]) (Bild 2)

Wer vom Sektor "Schwemmebene" dem Weg in nördlicher Richtung steil bergauf folgt, erreicht dann irgendwann den hochgelegenen Sektor "Universum", eine wiederum ganz eigene Landschaft und eine völlig andere Gebirgskulisse unterhalb des Winterstocks mit seinen beliebten alpinen Mehrseillängen-Routen. Doch das dortige Block-Universum ist dann etwas für unseren nächsten Aufenthalt ...

 

Kleine Exkursion zur Erschließungsgeschichte

Begonnen hat die planvolle und dokumentierte Erschließung fürs Bouldern so in etwa ab dem Jahr 2014. Ein junges Team rund um Joel Häfliger, allesamt aus der Luzerner Gegend stammend, hat damals mit viel Elan die ersten Boulder am Furka erschlossen. Auf Einladung stieß ab 2019 dann Harald Röker zum Team und ab diesem Zeitpunkt gab es für die Jungs kein Halten mehr. Sich gegenseitig pushend wurde Boulder um Boulder geknackt, und schon bald kristallisierte sich für jeden sichtbar das enorme Potenzial des Gebietes heraus.


Ein großer Teil des Erschließerteams aus ersten Tagen hat sich im Sektor "Oben" am "Shieldblock" eingefunden

Auch andere starke Jungs und Mädels haben mittlerweile den Furka für sich entdeckt und in der Folge den ein oder anderen tollen Boulder zum bisherigen Fundus beigesteuert. Heute, 12 Jahre nach den ersten Anfängen, ist die Auswahl mit über 1000 gekletterten Problemen wahrlich groß geworden und immer noch ist das verbleibende Potenzial so erheblich, dass ein Ende der Entwicklung derzeit nicht absehbar ist.

Abschließend lässt sich eines festhalten: wie immer auch die persönlichen Ziele gesteckt sein sollten, ob der ausgesuchte Boulder klappt oder auch nicht, das Gesamtkunstwerk "Bouldern am Furka" gehört sicherlich mit zu den schönsten Erlebnissen, die man als boulderbegeisterter Mensch in Europa haben kann.

 

Führerliteratur zum Bouldern am Furkapass:

 swiss Bloc °1 (GEBRO Verlag)

 ISBN: 978-3-938680-51-3

 Preis [D]: 39,80 €

 5.Auflage vom Mai 2023

 

 

 

 

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